Put up – or shut up.

Juni 27, 2011 § 2 Kommentare

Der abrupte Abgang von IFPI-Geschäftsführer Beat Högger hinterlässt einen schalen Geschmack. Nicht, dass er mir leid täte – weit gefehlt. Sondern vielmehr, weil sein Abgang „im gegenseitigen Einvernehmen“, wie ich gestern bereits schrieb, den etwas unappetitlichen Beigeschmack des Bauernopfers hat.

Schauen wir doch, was die Aargauer Zeitung schrieb, als der ganze Skandal hochkochte:

Der IFPI-Schweiz-Präsident nahm zu konkreten Fragen der az keine Stellung. Er hielt jedoch fest, die Vorwürfe seien verunglimpfende Behauptungen und Anschuldigungen an den Verband. Und: «Der Vorstand der IFPI erachtet zwar alle Vorwürfe als haltlos, hat aber dennoch eine rechtliche Prüfung durch externe Stellen angeordnet. Bei Vorliegen der Ergebnisse wird der Vorstand entscheiden, ob und wenn ja, in welcher Form Handlungsbedarf besteht und gegebenenfalls darüber informieren. Bis dahin können wir keine weitere Stellung dazu nehmen.»

Diese Aussage von Ivo Sacchi  lässt Raum für viele Interpretationen:

  • Er behauptet, dass die Vorwürfe „verunglimpfende Behauptungen und Anschuldigungen an den Verband“ seien. Wenn dem so ist, weshalb muss dann Högger seinen Hut nehmen? Oder ist an den Behauptungendoch etwas dran? Dass dem so ist, zeigt das Ifpi-Pressecommunique, in welchem – ohne die Firma zu nennen – auf die IPGate eingegangen wird.
  • Sacchi musste damals behaupten, dass die Anschuldigungen falsch seien – denn sonst hätte er sich ja selber der Mittäterschaft bezichtigt. Nun wird Högger wegen seiner von Sacchi mitgetragenen und sogar forcierten Tätigkeit für die IPGate in die Wüste geschickt – und Sacchi will plötzlich das Unschuldslamm spielen. Im besten Fall kann man das als feige bezeichnen – da will einer wirtschaftliche Macht, aber weigert sich, zu seiner Verantwortung zu stehen.
  • Sacchi erklärte, es sei eine „rechtliche Prüfung durch externe Stellen“ angeordnet worden. Inzwischen ist es so, dass im Musikbusiness männiglich dazu übergeht, so viele Informationen als möglich zu verbreiten – wohl um den eigenen Kopf zu retten. So ist auch dieser Kommentar zu werten, der uns gestern erreichte: „Das ist ein Witz. Sacchi versuchte sogar, diese ganze Sache auszusitzen und wollte lange Zeit gar keine Untersuchung in Auftrag geben.“ Sacchi wollte diese juristischen Abklärungen wohl verschleppen, weil er genau wusste, dass die Sache illegal war. Erst als der Druck von Aussen zu gross wurde und er feststellen musste, dass ihm die Kontrolle über die Affäre entglitten war, gab er das Gutachten, wohl zähneknirschend, in Auftrag. Ein auf internationales Steuerrecht spezialisierter Fürsprech in Bern meint: „Für ein solches Gutachten, bei dieser Sachlage, braucht ein Experte höchstens einen Tag. Und noch einen, damit die Rechnung stimmt.“ Sacchi wusste also, was Sache ist. Sacchi wollte also das Gutachten verschleppen. Und weshalb: Hier landen wir wieder bei seinem Sweetheart-Deal mit Högger: Der eine darf mit den Steuern abzocken, dafür bekommt der andere tolle Hitparaden- und Swiss-Music-Award-Platzierungen.
  • Warum wird also das Resultat der „rechtlichen Prüfung“ nicht auf den Tisch gelegt? Solange dies nicht geschieht, kann mit Fug und Recht behauptet werden, dass Sacchi genauso wie Högger in der Verantwortung steht und, wie in dem Artikel der Aargauer Zeitung beschrieben, sich in Deutschland dem Vorwurf des Steuerbetruges aussetzen muss.

Sollte es nicht so gewesen sein, dann dürfte es Sacchi und seinen Kumpanen im Ifpi-Vorstand wohl kaum schwerfallen, das juristische Gutachten oder die Gutachten auf den Tisch zu legen. Wenn er es schon ankündigt, sollte er es jetzt endlich auf den Tisch legen. Und falls er dies nicht macht, dann untermauert er, was eh schon alle vermuten: Dass er tiefer mit drin steckt als er bis heute zugeben wollte.

Interessant dürfte auch die folgende Überlegung sein. Gemäss Finanzdepartement ist Steuerbetrug auch in der Schweiz strafbar: „Einen Steuerbetrug begeht, wer zum Zwecke der Steuerhinterziehung gefälschte oder inhaltlich unwahre Urkunden wie Geschäftsbücher, Bilanzen, Erfolgsrechnungen oder Lohnausweise und andere Bescheinigungen Dritter verwendet. Der Steuerbetrug wird als Vergehen im Sinne des Strafgesetzbuches behandelt und mit Gefängnis oder Busse bestraft. Steuervergehen werden verfahrensrechtlich in der Regel nicht von den Steuerbehörden, sondern von den jeweils zuständigen Strafverfolgungsbehörden geahndet.

Durch das Steuersparkonstrukt Ifpi-IPGate wurden auch Schweizer Beamte durch die Vorspiegelung falscher Tatsachen getäuscht. Erst durch diese Täuschung ging der Plan, dem Deutschen Fiskus Geld abzuzwacken, im Endeffekt auf. Ergo wäre es durchaus möglich, dass sich Ex-Ifpi-Geschäftsführer Högger sowie sein Helfershelfer und direkter Vorgesetzter Ivo Sacchi auch in der Schweiz des Steuerbetruges schuldig gemacht haben. Dass hier gegenüber Schweizer Behörden falsche Tatsachen vorgespiegelt wurden, lässt sich mit bestehenden Akten beweisen.

Folglich müsste der Ifpi-Vorstand, wollte er glaubwürdig bleiben, nicht nur Högger entlassen, sondern auch eine Anzeige wegen möglicher Straftaten einreichen. Erst damit könnte glaubhaft kommuniziert werden, dass man sich von den Machenschaften Höggers distanziere. Nur: Eine solche Anzeige hätte unweigerlich zur Folge, dass auch Sacchis Rolle in dem Deal unter die Lupe genommen würde. Als Ifpi-Präsi wäre er noch weniger tragbar als jetzt schon. Da belässt man es lieber dabei, dass man Högger freistellt und den grossen, dicken Ifpi-Schwamm über die Angelegenheit drückt.

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Der Bauer geht, der König bleibt – vorerst

Juni 27, 2011 § 3 Kommentare

Erstens geht es schneller, und zweitens als man denkt.

Da erhielt ich doch am Wochenende diese nette Datei: IFPI Steuerbetrug Addendum June 2011. Zunächst dachte ich mir: „Ach, Muttchen, das Wetter ist schön, die Welt gemein, also geh ich in den Rhein schwimmen.“

Heute morgen jedoch, als ich mit der üblichen Mischung zwischen Ekel und Faszination „20 Minuten“ las, sprang mir eine klitzekleine Meldung ins Auge: Beat Högger, seines Zeichens IFPI-Geschäftsführer, sei wegen seiner Verquickung mit einer anderen Firma zurückgetreten.

Was so euphemistisch daherkommt, hat es in sich.

Ich rekapituliere: Im Sommer 2009 bereiteten IFPI-Boss Ivo Sacchi und IFPI-Geschäftsführer Beat Högger das Feld, um einen grossangelegten Steuerbetrug zu begehen. Darüber berichtete die Aargauer Zeitung. Prompt wurde der Artikel auf Druck von Sacchi und Konsorten entfernt – inzwischen ist er wieder online.

Doch Högger hatte einiges auf dem Kerbholz: So trat er, der Vertreter der Musikindustrie, als Musikpirat in Erscheinung, und zudem begann die Wettbewerbskommission eine Untersuchung wegen diverser marktmanipulativer Tätigkeiten.

Das oben verlinkte Dokument zeigt – wenngleich in verschwurbelter Sprache und nicht eben lesefreundlich – dass Högger sogar noch weiter ging: Das Ausarbeiten des von der Wettbewerbskommission untersuchten Hitparadenreglementes hat er ebenso an seine private Firma delegiert wie weitere Arbeiten, deren Nutzniesser am Ende vor allem eine Major-Firma im Musik-Business war: Universal. Deren Chef wiederum ist Ivo Sacchi, der zugleich IFPI-Boss ist.

Ich rekapituliere nochmals: IFPI-Högger und IFPI-Sacchi postulieren, dass der IFPI-Vorstand zum Aufgleisen eines Steuerbetruges „Ja“ sagt. Högger muss gewusst haben, was er tat. Sacchi immerhin könnte sich rausreden, dass er das Ganze nicht verstanden habe. Weshalb aber fragte er nicht nach sondern forcierte die Steuerbetrugs-Lösung? Und: Wenn Högger wettbewerbsrelevante Tätigkeiten in eine andere Firma verschiebt und hauptsächlicher Nutzniesser davon Sacchi mit seiner „Universal“ ist: Wie will uns Sacchi weismachen, dass er davon nichts gewusst habe? Wäre dem so, dann wäre er auch am falschen Platz. CDs eintüten statt als CEO wüten würde dann eher seiner Qualifikation entsprechen. Also muss man davon ausgehen: Sacchi wusste genau, was bei der IFPI los ist. Als jedoch immer mehr Fakten nach Aussen bröselten, entschloss er sich zu einem Bauernopfer und liess Högger über die Klinge springen. Damit darf Högger nun jene Medizin kosten, die er „Piratinnen und Piraten“ jeweilen zukommen liess.

Ivo Sacchi, König der Bauernopfer.

Für die steuer- und zivilrechtlich relevanten Verfehlungen innerhalb der IFPI ist, unterm Strich, Sacchi verantwortlich. Der Dauergrinser mit dem Ruf des Womanizers wird nun wohl versuchen, möglichst lange weitere Bauernopfer zu finden, immer in der Hoffnung, dadurch seinen – beruflichen – Kopf zu retten.

Ein anderer Leser unseres Blogs hat hierzu eine Insider-Information geliefert: So soll Sacchi zusammen mit einigen Stars, die bei seinem Label unter Vertrag stehen, Gagensteuersparmodelle verwirklicht haben, die ihm – sollte dies im Ausland und dort en détail bekannt werden – mächtig Ärger einbringen könnten.

Nun, dafür gibt es gegenwärtig zwar noch keine schriftlichen Beweise, aber zahlreiche Indizien. Und wer uns mit den entsprechenden Fakten alimentieren möchte: Ein Kommentar genügt, und wir werden dieses Material gerne veröffentlichen.

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